Analytica im (zweiten) Frühling

 

 

Dass irgendwann im Frühling, entweder April oder Mai, alle 2 Jahre die Analytica in München stattfindet, ist ja nun nichts Neues. Dass aber die wohl letzte oder vorletzte Analytica meiner Berufslaufbahn mich nochmal so beeindruckt, schon. Seit 1982 komme ich auf diese grösste Fachmesse rund um Analytische Messtechnik, Laborausrüstung, Diagnostik und Biotechnologie, meist als Besucher, aber auch als Standbesatzung und Kongress-Teilnehmer. Dabei habe ich viele Veränderungen, sowie Höhen und Tiefen miterlebt, u.a. den zwischenzeitlichen Auszug der Labormediziner, die Mitte der 90er-Jahre ihre eigene Messe in Leipzig abhielten (war auch dort), und natürlich den Umzug auf das neue Messegelände in Riem.

Als Standbesatzung 1984 bei HP (heute Agilent) war ich noch in direkter Nachbarschaft zu meinem späteren langjährigen Arbeitgeber Boehringer Mannheim. In den kleinen Messehallen hinter der Bavaria (neben dem Oktoberfestgelände) herrschte noch drangvolle Enge, aber es war auch irgendwie „kuschelig“ und familiär. Alle Stände waren durcheinander, es gab keine Trennung nach Themengebieten. Trotzdem hat man alles gefunden und ist dabei auch über das eine oder andere, oder über DEN einen oder anderen gestolpert, das/den man gar nicht erwartet hatte. Vor allem in meinen Jahren in der Diagnostik war es gut, dass man sowohl die Laboranalysengeräte (z.B. HPLC) als auch die Diagnostica-Mitbewerber (z.B. Abbott) beieinander hatte. Daher empfand ich den Auszug der Labormediziner nach Leipzig als Rückschritt. Das Konzept der ausgesprochenen FACH-Messe mag ja o.K. sein, gewisse Schnittmengen sind aber auch nicht schlecht. Der äusserst erfolgreiche Mannheimer Maimarkt konterkariert dieses Fachmessen-Konzept sogar total, denn danach dürfte es ihn eigentlich gar nicht geben. Nun, die Labormediziner kamen zurück, wenn auch nur halb, denn nach einer Umorganisation organisiert die DGKL ihre eigenen Kongresse (war in Mannheim 2008 dabei). Aber die Diagnostica-Firmen sind seitdem auf der Analytica wieder dabei. Und natürlich kam dann auch noch die Biotechnologie dazu, sowie 1998 der Umzug auf das neue Messegelände.

Aber statt einem AUFbruch war das eher nur ein Bruch. Viele liebgewordene Dinge rund um die Analytica waren auf einmal dahin, allem voran die drangvolle Enge und nicht zuletzt die Innenstadt-nahe Lage mit kurzen Wegen zu den Brauerei-Kellern….!!

Die Neue Messe in Riem draussen vor den Toren der Stadt war viel zu gross, die Hallen halb leer, die Stimmung kalt, die in eigene Hallen ausgegliederten Bereiche Biotech und Diagnostik irgendwie Fremdkörper, die nicht dazu gehörten. Sehnsuchtsvoll schrieb damals Prof. Engelhardt „oh, wie war die alte Analytica so schee…..“. Die Jahre um die Jahrtausendwende waren sicher ein Tiefpunkt, auch weil schlüssige Konzepte damals fehlten, die Biotech eine Bruchlandung hinlegte und neue Ideen fehlten. Nicht zuletzt war auch die Infrastruktur zu Beginn auf der Neuen Messe überhaupt noch nicht fertig, man musste ziemlich mühsam zunächst mit der S-Bahn anreisen, dann in einen Bus umsteigen, bis schliesslich die U-Bahn-Linie U2 bis zum Messegelände verlängert wurde. 2004 kehrte ich als Standbesatzung auf die Messe zurück, für meinen damaligen Arbeitgeber Sigma-Aldrich, für den ich die erfolgreiche LC/MS-Produktlinie entwickelt hatte und demgemäss ein gefragter Gesprächspartner war. Aber viele durchaus namhafte Hersteller überlegten damals, ob sie überhaupt noch auf die Messe kommen sollten oder hatten ihren Abschied bereits vollzogen.

Seitdem aber hat sich sukzessive eine Änderung vollzogen, womöglich als Summe aus verschiedenen Aktivitäten. Vielleicht wurden die Standgebühren gesenkt, die Aussteller vergeben grosszügig Eintrittskarten, es hat eine Internationalisierung eingesetzt, die neuen Medien haben Einfluss, in den Hallen gibt es neue Aktivitäten. 2008 war es als Trend feststellbar, richtig positiv gemerkt habe ich es vor 2 Jahren, und dieses Jahr hat mich die neue Analytica richtig begeistert.

Es fällt gleich auf, wenn man reinkommt, Animateure begrüssen einen, man bekommt Einladungen zur Happy Hour am Stand oder gar zu einem Carrera-Rennen (Bild 1). Die Stände sind gross und laden mit viel frischer Farbe und hübschen Hostessen ein. Die bieten einem dann zwar erstmal nur einen Kaffe an, holen aber den entsprechenden Fachberater herbei. Früher haben wir das alles selbst gemacht – wie unprofessionell aus heutiger Sicht! Es gibt fast überall kleine Give aways, bei Bruker die bei Sammlern begehrten Tassen, dieses Jahr die No.15. Am Stand der Laborgerätebörse Labexchange steht der bunt lackierte Jaguar E Type des Firmenchefs als echter Eyecatcher (Bild 2), und bei Merck fotografiert meine Frau gleich das niedliche Lego-Minilabor (Bild 3). Das kann man auch gewinnen, 33 Gewinner pro Tag gibt es, leider waren wir nicht dabei. Aber DAS ist die neue Analytica, die kuschelige Atmosphäre und Enge von früher ist weg, das ist vorbei. Gott sei Dank auch die kurzen Hosen der Herren und die Bequem-Latschen der Damen. Das Publikum ist fast ausgeglichen 50:50 männlich:weiblich und durchweg sportlich bis elegant gekleidet, die Herren überwiegend im Anzug (oft mit Krawatte) die Damen in Kostüm oder Hosenanzug und oft mit Pumps. Kein einziges Paar Birkenstocks gesichtet! Und es ist jung geworden, aber auch die Aussteller. Viele junge, neue Firmen, junge Standbesatzungen, neue Namen. Dazu Pavillons von Korea und China, einige Aussteller aus Grossbritannien und viele Besucher, die offensichtlich Italienisch sprechen. Klar, Mailand ist nicht so weit weg. Dann am Stand von VWR ist der Animateur wieder da und vereinnahmt meine Frau (Bild 4). Wobei er nicht vergisst, pantomimisch auf eine Neuheit hinzuweisen – ganz grosses Kino..!! Am Stand von Laborpraxis startet eine Guided Tour über die Messe, in Halle B2 knallt’s und kracht’s bei einer Sicherheits-Show, mittendrin ein kleines Vortrags-Symposium für Aussteller, nicht zu vergessen eine App mit „der ganzen Messe auf Ihrem Smartphone“ und überall kostenloses WLAN. Wow..!!

Das nenne ich eine gelungene Vereinnahmung der neuen Medien, aber natürlich gibt es auch noch die technischen Inhalte. Die kann man, wenn man einen freien Berater erwischt oder einen Termin hat, auch besprechen. Aber die Messe dient in erster Linie der Kontaktaufnahme, was übrigens auch eine Stellenbörse unterstreicht. Den eigentlichen Kauf oder die Demo oder die Lösung des persönlich vorgetragenen Problems kann man danach angehen. Schliesslich ist die Analytica kein Maimarkt, sondern eben doch eine Fachmesse, aber eine, die in Version 2.0 auf der Neuen Messe München jetzt erwachsen geworden ist, und zwar auf eine sehr charmante jugendliche Art und Weise.

 

Total begeistert, ein ergrauter Messeveteran kurz vor seinem Ruhestand.

 

Joachim  Emmert

 

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